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Montag, 9.6.2014

Tyntesfield

Ursprünglich war das Land Eigentum der Familie Tyntes seit 1500. Anfang des 19. Jhrdts. verlegten die Tyntes ihren Wohnsitz und deklassierten das Anwesen zu einer Farm, die sie verkauften. Der neue Besitzer errichtete ein georgianisches Haus.
Jetzt kommt William Gibbs ins Spiel. Dieser hatte ein Handelsunternehmen, das Früchte und Wein aus Spanien und Portugal importierte. 1822 eröffnete er ein Büro in Lima. 1841 schrieb im sein dortiger Vertreter, dass er einen Vertrag mit den Regierungen von Peru und Bolivien abschließen könnte und Gibbs Schiffe nicht leer nach Europa zurück fahren müssten, sondern Guano (Vogelmist, der als Dünger verwendet wurde) transportieren könnte. Gibbs hield die Sache für unsinnig, da sie hohe Anfangsinvestitionen erforderte, sein Vertreter erhielt seine Absage zu spät und hatte den Vertrag bereits unterschrieben. Gibbs hatte somit praktisch ein Monopol auf den Guano-Import und wurde zum reichsten Nicht-Adeligen im United Kingdom. Guano wurde sehr bald durch Nitrate und Phosphate ersetzt, die billiger waren. Gibbs verlegte seine Südamerika-Niederlassung von Lima nach Chile, wo sie Natriumnitrat und Jod produzierte, für beides gab es damals große Nachfrage, weil es in der Munitionsherstellung benötigt wurde.
So konnte Gibbs 1843 Tyntesfield kaufen und im Victorianischen bzw. Neogotischen Stil umbauen und erweitern sowie eine Kapelle anbauen, die in ihren Dimensionen einer Dorfkirche gleich kommt.
Kurz und gut, das Haus ging dann an seinen Sohn (der der erste Baron dieser Familie wurde), dessen Witwe und danach an den Enkel. Dieser starb 2001.
In seinem Testament setzte er 19 Familienmitglieder als gemeinsame Erben ein.
Hohe Erbschaftssteuern und Renovierungskosten führten zu einem Verkauf des Anwesens, das nicht nur das Haus, sondern auch ein kleines Dorf umfasste. Der National Trust, für den die Erhaltung dieses Hauses hohe Priorität hat, startete eine Spendensammlung, die innerhalb von 100 Tagen 8 Millionen GBP erbrachte (darunter zwei anonyme Spenden in der Höhe von 1 und 4 Millionen Pfund). Mit Unterstützung des National Heritage Fonds konnte 2002 das Haus, der dazugehörige Park und der Küchengarten um über 15 Millionen Pfund erworben werden (der Rest des Estates ging in der gleichen Größenordnung an andere Käufer).
Dann ging es los: Das Haus musste konserviert und saniert werden, der Inhalt katalogisiert werden.
Einige Zahlen:
In die Renovierung sind bislang um die 10 Millionen Pfund geflossen.
Für das Gerüst für die Renovierung des Daches und der Außenfassade wurden bis zu 45 km Gerüstrohre verwendet.
In Tyntesfield sind 600 Angestellte des National Trusts und freiwillige Helfer beschäftigt.
Das Auktionshaus Christies, das den Verkauf durchführte, hat die Anzahl des beweglichen Gutes im Haus auf ca. 10.000 gschätzt. 2008 waren 30.000 Stück inventarisiert, 2013 47.000 Stück und es gibt noch immer Räume, deren Inhalt nicht inventarisiert ist.
Ich hab gefragt, warum man bei so einem wertvollen Gebäude nicht die Elektroinstallation erneuert hat - es schaut alles so alt aus, die Lampen hängen noch an Stoffkabeln usw. Die wurden erneuert, die Stoffkabel (und auch die eingezogenen Kabel) sind kupferummantelte Spezialkabel, die brand- und nagetiersicher sind, die Schalter und Steckdosen auf historisch getrimmte neue.

Es war einfach faszinierend, dieses Haus zu besichtigen und wir haben sehr lange Zeit darin verbracht. Einerseits war es der pure Luxus, den allein die Größe der Räume vermittelt (der Empfangsraum hatte 12 m Länge und 5 m Breite), was uns beeindruckte. Auf der anderen Seite wirkt das Haus, als sei es noch bewohnt und der Eigentümer könnte jeden Moment in den Raum kommen. Auf alle Fälle war es vorteilhaft, an einem schwachen Besuchstag zu kommen, weil wir viel Zeit im Haus verbringen konnten und in den einzelnen Räumen nahezu allein waren.

Koordinaten: 51.440507 -2.71165


   
Allein 6.000 Stück Porzellangeschirr wurden bislang gefunden. In dieser Vitrine sind drei verschiedene Designs als Beispiel ausgestellt.
Die Empfangshalle, 12 m lang, die Höhe ist ebenfalls beträchtlich
Das Treppenhaus. Wir sind hier bereits im 1. Stock, darüber ein Laternendach, Höhe insgesamt 14 m.

     
Das "Alarmboard" - in alle Räume gingen Drahtzüge und wenn jemand daran zog, dann läutete es hier unten und da die Glockenaufhängung nachschwang konnte man sehen, in welchem Raum geläutet wurde
Die Orangerie

   

Auf dem Weg in den Süden an die Kanalküste haben wir auf einem Farm-Campingplatz in Cheddar (dem Ursprungsort des Cheddar-Käses) Station gemacht.

Koordinaten: 51.28726 N, 2.79473 W

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